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| Malaysia: Wegbereiter des islamischen Liberalismus? |
| Monday, 06 October 2008 11:12 | |||
Der folgende Text ist die Zusammenfassung eines Vortrags mit dem Titel „Der liberale Islam und die Bewältigung der Moderne in Malaysia“, gehalten von Sven Alexander Schottmann im Auftrag der Deutsch-Malaysischen Gesellschaft auf einer Veranstaltung der DtMG am 7.Oktober 2004.Der liberale Islam als Bewältigungsstrategie der Moderne Malaysias Regierung hat in diesem Jahr (2004 das Modernisierungsprogramm Islam hadhari – einen „zivilisatorischen“ oder „progressiven“ Islam – vorgestellt, das der malaiisch-muslimischen Bevölkerungsmehrheit des südostasiatischen Landes eine pragmatische Sichtweise auf die eigentlichen Werte ihrer Religion nahe legen soll. Der Begriff stammt von dem nordafrikanischen Renaissancegelehrten Ibnu Chaldum (1332-1406) und beschreibt ursprünglich den sozialen Wandel von der nomadischen Beduinengesellschaft zur urbanen Zivilisation. Mit Islam hadhari will die malaysische Regierung unter Ministerpräsident Abdullah Ahmad Badawi aber nicht nur an die eigentlichen Werte des Islams erinnern, sondern auch und vor allem den rasanten gesellschaftlichen Wandel – ausgelöst durch zwei Jahrzehnte phänomenalen Wirtschaftswachstums – auf eine progressive und tragfähige ethische Grundlage stellen. Islam hadhari, in Konsultationen mit den wichtigsten Rechtsgelehrten des sunnitischen Islams abgestimmt, stellt die sozialen Werte der Religion in den Vordergrund und will auf dieser Basis eine exemplarische muslimische Gesellschaft bauen. Zu diesen Werten gehren u.a. die wasatiyya (Ausgewogenheit zwischen Diesseitigem und Jenseitigem), die Betonung und der Schutz von Frauen- und von Minderheitenrechten, eine ausgewogene wirtschaftliche Entwicklung, die Selbstverantwortung vor der Schöpfung, soziale Gerechtigkeit und ähnliche weitere Vorgaben aus der islamischen Rechtsprechung und dem historischen Ideal des prophetischen Staates in Medina. Die potentielle Rolle des Islam hadhari als Wegbereiter eines zeitgenössischen islamischen Liberalismus beruht auf der theologischen Authentizität dieses Modernisierungsdiskurses, denn er berücksichtigt die geschichtliche Entwicklung der Religion und basiert seine Liberalisierungsargumente auf der islamischen Rechtsprechung selber. Islam hadhari ist allein deshalb geeigneter, demokratische Strukturen in der islamischen Welt zu stärken als der Versuch oktroyierter Zwangsskularisierungen oder das Insistieren auf der Einzigartigkeit des westeuropäischen Weges zur Demokratie. Der Islam als Modulationsstrategie Selbstverständlich gibt es neben Islam hadhari noch weitaus liberalere Auffassungen des politischen Auftrages der Muslime im 21. Jahrhundert: etwa die mujtama’ al –madani („islamische Zivilgesellschaft“) des ehemaligen malaysischen Vizepremiers und heutigen Oppositionellen Anwar Ibrahim oder die Ideen des vom Numeiri-Regime ermordeten sudanesischen Rechtsgelehrten Mahmoud Muhammad Taha. Gemeinsam ist diesen liberal- islamischen Ansätzen jedoch die Verbundenheit mit der Lehre des sunnitischen Islams und die breite gesellschaftliche Akzeptanz, die sie aufgrund ihrer religiösen Authentizität finden. Auch wenn Islam hadhari im Vergleich zu den anderen Reformansätzen eher ein „top-down approach“ ist, und im Prozess des Wandels andere Akzente setzt, so lässt sich trotzdem die große Ähnlichkeit in den gesellschaftlichen Zielsetzungen dieser Programme nicht ignorieren. Was Islam hadhari allerdings zentral von anderen Vorschlägen zur Demokratisierung des islamischen Staates unterscheidet, ist die Unterstützung und Förderung des Programms von offizieller Seite. Das Pldoyer der malaysischen Regierung für ein islamisches aggiornamento verdeutlicht die weltweite Entwicklung eines liberalen Islamismus, deren Führungsspitze für den gesellschaftlichen Fortschritt steht und dabei über unanfechtbare religiöse Referenzen verfügt. Der malaysische Premier etwa ist ein klassisch ausgebildeter Rechtsgelehrter und ist Sohn und Enkel angesehener arabisch-stämmiger Theologen. Wenn liberale Modernisierungsprogramme wie z.B. Islam hadhari konsequent implementiert werden, besteht die Möglichkeit, dass der politische Islam zumindest einen Teil der eklatanten Versäumnisse im Bereich der Demokratisierung seit der vertanen Chance im post-revolutionären Iran wieder gut machen kann. In Malaysia hat dieser neue Diskurs im Wahlvolk, bei muslimischen wie bei nicht-muslimischen Wählern, großen Anklang gefunden. Herr Badawi konnte bei den Parlamentswahlen im März 2004 einen historischen Sieg einfahren und die bei den Wahlen 1999 sehr erfolgreichen konservativen Islamisten klar zurückweisen. Seine Ideen haben also die erste wichtige Bewährungsprobe bestanden. Beseitigung des Demokratiedefizits Autochthone Liberalisierungsdiskurse wie Islam hadhari erfüllen zwei wichtige Aufgaben in den Ländern der islamischen Welt. Ihre wichtigste Funktion ist die Verankerung des demokratischen Gedankens in ihren Gesellschaften, indem sie im Verweis auf die islamische Rechtsprechung zeigen, dass Islam und demokratische Freiheit nicht unvereinbar sind, und dass Liberalisierungs-prozesse nicht mit gesellschaftlichem Verfall einhergehen müssen. Die zweite wichtige Funktion autochthoner Liberalisierungsdiskurse ist die Überwindung des „Islamisierungsdilemmas“, welches viele mehrheitlich muslimische Staaten vor immer schwerer wiegende gesellschaftliche Zerwürfnisse stellt. Als Reaktion auf den gesellschaftlichen Wandel infolge weltbewegender Ereignisse wie der islamischen Revolution in Iran, der sowjetischen Besetzung Afghanistans, bewaffneter Auseinandersetzungen an heiligen Stätten des Islams usw. setzten viele islamische Regierungen Prozesse der „Islamisierung“ in Gang, zum Beispiel im Sinne einer Stabilisierung autokratischer Staatsstrukturen durch die für bestimmte Auffassungen des konservativen Islams charakteristische Obrigkeitstreue, oder im Sinne eines Machterhalts in einer nicht weiter definierten „islamischen“ Gesellschaft oder „islamischen“ Demokratie. Indes: Malaysia kann diesem Weg nicht folgen. Die stark heterogene Gesellschaft des multi-kulturellen und multi-religiösen Landes wäre mit einer Islamisierung dieser konservativen Spielart überfordert, wie die stetige Auseinandersetzung über die Implementierung eines angeblichen „islamischen Strafrechts“ immer wieder verdeutlicht. Malaysia und die globale Debatte Islam hadhari ist ein autochthoner Liberalisierungsprozess mit solider Fundierung in den religiösen Wertewelt. Als solcher verbessert er die Chancen, Malaysia aus dem Islamisierungsdilemma herauszuführen; als solcher kommt er aber auch außerhalb Malaysias in Frage, als dritter Weg in dem weltweit schwelenden Konflikt zwischen liberalen und konservativen Interpretationen des Islams. Also kann Malaysia eine Rolle als Wegbereiter des islamischen Liberalismus zuwachsen? Dafür spricht der Umstand, dass es sich um ein offiziell vertretenes Konzept handelt, mit dem die Regierung nicht nur innenpolitisch punkten sondern auch auenpolitisch auftreten und sich als malaiisch-muslimisches Land in der eher arabisch geprägten Staatengemeinschaft der OIC (Organisation of Islamic Conference) profilieren kann. Ein zweiter wichtiger Faktor ist die wirtschaftliche Stärke Malaysias. Nur wenige OIC-Staaten kommen auf ein Pro-Kopf-Einkommen von mehr als 10.000 US Dollar, und das verdanken sie in der Regel dem Erdölreichtum am arabisch-persischen Golf. Länder, deren wirtschaftliche Performance mit der Malaysias vergleichbar wäre, sind in der OIC die Ausnahme. Also wird es nicht verwundern, dass die wirtschaftlichen Erfolge des südostasiatischen Tigerstaates mit Anerkennung und Respekt quittiert werden. Das dritte Argument für die Qualifikation Malaysias zum Verkünder des liberalen Ethos im politischen Islam ist das demokratische Erbe des Landes. Die Plurale Bevölkerung und die im Ansatz föderalen Strukturen aus der britischen Kolonialzeit bildeten gute Voraussetzungen für die Entwicklung einer post-kolonialen Demokratie, die ohne große Rückschläge zu bemerkenswerter Reife gelangt ist. Das vierte Argument für eine Vorreiterrolle Malaysias auf dem Wege der Liberalisierung des politischen Diskurses im Islam ist seine relativ stark heterogene Bevölkerungsstruktur. Fast alle Staaten mit offiziellen Islamisierungspolitiken weisen einen muslimischen Bevölkerungsanteil von weit über achtzig Prozent auf, in Malaysia bekennen sich dagegen lediglich knapp sechzig Prozent der Bürger zum Islam. Dieses Verhältnis setzt einer Islamisierung nach konservativ-islamistischer Lesart klare demographische Grenzen, auf der anderen Seite aber hat die multi-kulturelle und multi-religiöse Gesellschaft dementsprechend auch dafür gesorgt, dass sich der malaysische Islam intensiv mit der Demokratie auseinander gesetzt hat. Fazit Wenn Muslime die Demokratie mit der islamischen Rechtsprechung vergleichen, stellen sie fest, dass diese sich nicht in einem inhärenten Widerspruch befinden. Oft werden die demokratischen Institutionen des prophetischen Staates in Medina herangezogen, um zu argumentieren, dass die Vorstellung von limited Gouvernement auch im islamischen Staatsverständnis zu finden ist. Autochthone Liberalisierungskonzepte lassen auch die Quellen der islamischen Rechtsprechung selber zu Argumenten für die Demokratisierung werden. So wird z B. eine der wichtigsten Quellen der islamischen Rechtsprechung, der ijma’ (Konsens), mit der Idee freier und fairer Wahlen gleichgesetzt. Ein ähnliches Argument für die Demokratie aus dem Islam selber heraus ist der Vergleich vom ijtihad (Streben nach Wahrheit), einer weiteren Quelle der islamischen Rechtsprechung, mit dem Recht auf Mitbestimmung oder einem allgemeinen Wahlrecht. Diese Art der Argumentation für die individuelle Freiheit und für Rechtsstaatlichkeit bezieht ihre Stärke und für viele Muslime ausschlaggebende Kraft aus der Religion selber. Islam hadhari wird somit auch für den Westen relevant, da gläubige Muslime demokratische Prinzipien im Islam, seinen Quellen und seiner frühen Geschichte erkennen, und zeigen, dass das islamische Staatsideal nicht das Afghanistan der Taleban oder Saudi-Arabien sein kann. Malaysia versucht ein tolerantes, fortschrittliches und prosperierendes Gemeinwesen auf den Werten des Islams vor dem Hintergrund der multi-ethnischen Gesellschaft zu schaffen. Die Erfahrungen des Landes seit der Unabhängigkeit zeigen, dass der Islam nicht demokratieresistent ist. Tahar ben Jelloun, frankophoner Autor aus dem arabischen Maghreb, hat einmal geschrieben, dass Radikalislamisten keinen Zulauf mehr finden würden, wenn man den jungen Menschen der arabisch-islamischen Welt erklärte, was Demokratie denn eigentlich bedeutet. Mit autochthonen und in der Gesellschaft verwurzelten Konzepten wie Islam hadhari könnten Muslime selber beginnen, diesen Erklärungsversuch zu unternehmen. Sven Alexander Schottmann
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Der folgende Text ist die Zusammenfassung eines Vortrags mit dem Titel „Der liberale Islam und die Bewältigung der Moderne in Malaysia“, gehalten von Sven Alexander Schottmann im Auftrag der Deutsch-Malaysischen Gesellschaft auf einer Veranstaltung der DtMG am 7.Oktober 2004.









